Christoph Marti

Christoph Marti ist ein Schweizer Portraitfotograf und Chefredakteur des Marti Magazines. Mit diversen Kollektionen und Fotos hat Marti schon früh, für grosses Aufsehen gesorgt. Der französische Fotograf Henri Cartier-Bresson sagte einst: «Ein gutes Foto ist ein Foto, auf das man länger als eine Sekunde schaut.» Ich würde anfügen: Ein gutes Foto ist ein Foto, das einen vergangenen Moment in ein neues Licht rückt. Deshalb schaut man darauf länger als eine Sekunde. Für mich ist die Fotografie ein Tor zur Vergangenheit. Betrachten wir ein Bild, betrachten wir es nicht nur als Abbild eines Moments. Wir erkennen darin mehr. Wir erfinden Geschichten, die hinter dem Bild stecken könnten oder erinnern uns an diejenigen, die wir mit ihm verbinden. Erinnerung und Erfindung entsprechen dabei nie der Komplexität des Moments. Diese Unvollkommenheit ermöglicht es dem Betrachter, das Foto mit eigenen Gedanken zu füllen. Und so entsteht etwas noch nicht Dagewesenes. Es entsteht eine neue Idee von Vergangenheit. Das ist, was mich an der Fotografie fasziniert.

Von der Suche nach dem besonderen Foto

«Wer als Anfänger die Gestaltungsregeln der Fotografie ignoriert, hat keinen Verstand. Wer sich aber fotolebenslang daran klammert, hat keine Phantasie.» (Detlev Motz) Wer kennt diese Geschichten nicht? Ein Kind macht sein erstes Foto und ist fasziniert ab der Möglichkeit, einen Moment festzuhalten. Es freut sich darüber und beginnt damit, alles und jeden abzuknipsen. Auch ich habe einst so begonnen. War mein Bruder nicht zu Hause, riss ich seine Kamera an mich und begab mich auf die Jagd nach besonderen Fotos. Dabei leitete mich meine Intuition. Als ich älter wurde, begann mich zu interessieren, was ein gutes von einem schlechten Foto unterscheidet. Und ich lernte, dass es Regeln gibt, nach denen man sich richten kann, um ein Sujet vorteilhaft in Szene zu setzen. So begann ich über diese Regeln zu lesen und versuchte mein fotografisches Können unter Berücksichtigung dieser Leitfäden zu erweitern. Meine Bilder wurden besser. Fotografieren ist ein Balanceakt. Gestaltungsregeln sind zu befolgen und müssen doch gebrochen werden, um Neues zu erschaffen. Beim einen Foto sind sie es, die mich führen, bei einem anderen folge ich meiner Intuition. Ich bin gelernter Koch. Doch die Suche nach besonderen Fotos, hat mich nie losgelassen, auch während meiner Ausbildung nicht. Am Tag war ich in der Küche, am Abend hinter der Linse. Während dieser Zeit fasste ich einen Entschluss: «Ich will das Fotografieren zu meinem Beruf machen.» Schwarz gekleidete Menschen, die in die Ferne blicken, symbolisieren in der Kunst Introvertiertheit und Melancholie. Doch wie wirkt ein Bild, auf dem Menschen gemeinsam den Blick in die Ferne richten? Und wie ändert sich die Wahrnehmung der Personen, wenn die schwarze Kleidung Moderne und Geschichte, Extravaganz und Schlichtheit kombiniert? Dieses Bild entstand bei einem Fotoshooting in meiner Heimatstadt Solothurn. Mit dem Fotografen Rolf Sutter und seiner Frau Uschi sowie mit Lisa Maria Wildhaber, einer Visagistin, durfte ich dieses Foto erarbeiten.

Tut es!

Mit etwas Neuem zu beginnen erfordert Mut. Denn wer etwas tut, kann dabei auch scheitern. Was lockt, ist die Möglichkeit des Gelingens. 2011 gründete ich das Internet- und Kabel-TV-Projekt «SwissYouthTV». Dafür erhielt ich den Jugendförderpreis des Kanton Solothurn, in dessen Jury ich später während drei Jahren wirkte. Doch 2015 wurde das TV-Projekt eingestellt. Ich war enttäuscht. Zu dieser Zeit hatte ein neuer Bereich meine Neugierde schon geweckt gehabt: Die Modebranche. Ich entwickelte Ideen und Visionen. 2015 folgten die ersten Taten. Auf meiner Website präsentierte ich meine T-Shirt-Kollektion einem grösseren Publikum. Das Feedback war überwältigend. Den Menschen gefiel, was ich tat. Und so wurde aus etwas Kleinem Grösseres. Während meines Militärdienstes begann ich eine neue Kollektion zu planen. Am 25. Juni 2016 war dann der grosse Tag gekommen. Ich durfte die Kleider im Rahmen einer Modeschau präsentieren. Einige T-Shirts aus dem Jahre 2015 ergänzten die neuen Exemplare. Fünfzehn Models präsentierten sich auf dem Laufsteg. Der hier abgebildete Mantel, stammt aus der Simply-Black Kollektion. Er ist eines von 42 Kleidungsstücken, die in der bis auf den letzten Platz gefüllten Halle präsentiert wurden. Ideen zu verwirklich erfordert Mut und Unterstützung. Ich bin der Meinung, dass man Jungtalenten helfen soll, damit sie ihre Projekte realisieren können. So fördere ich unter dem Namen «Major Scouting» ungefähr zwanzig Newcomer-Models. Zusätzlich unterstütze ich einige YouTuber. Den Neulingen biete ich kostenlose Test-Shootings und Beratungen an. Was ich ihnen vor allem zu lehren versuche, ist das folgende: Tut es! Versucht Träume zu verwirklichen! Setzt Ideen in Projekten um! Auch wenn ihr scheitert: Ihr werdet viel lernen und dank dem Gelernten neue Ideen entwickeln können.

Vom Sein und Schein

Das Wesen des Menschen bei der Aufnahme sichtbar zu machen, ist die höchste Kunst der Fotografie. (Friedrich Dürrenmatt) Fotografie zeigt immer nur einen Teil der Wirklichkeit. Im Besonderen gilt das, wenn man Menschen fotografiert. Das Licht, der Schatten, die Schärfe, die Unschärfe und der Bildausschnitt – Sie bestimmen darüber, wie ein Mensch auf einem Foto zu sein scheint. Ein Porträt zeigt immer nur einige Facetten eines Menschen. Darüber zu entscheiden, wie ein Mensch nach Aussen dargestellt werden soll – Dies ist eine der schwierigsten und schönsten Aufgaben der Fotografie und der Mode. Fotografie kann auch Schein sein. Wer abgebildet wird, weiss häufig davon und verhält sich dementsprechend. Er möchte schön sein und dem zukünftigen Betrachter des Bildes gefallen. Spannend ist sowohl in der Fotografie wie auch in der Mode, wenn die Ebenen des Scheins und diejenige des Seins verschmelzen. Die geschieht, wenn während des Aktes der Fotografie in dem Menschen, der dabei Modell steht, etwas passiert. Wenn er sich selbst zu begehren beginnt und aus gespielter echte Selbstliebe wird. Ein Foto kann einem Menschen dabei helfen, eine Seite seines Ichs zu erkennen. Kleider können ihm ermöglichen, einen Teil seines Selbst auszuleben. Und so wird aus Schein Sein. Das Wesen des Menschen bei einer Aufnahme sichtbar zu machen, heisst für mich auch, dem Fotografierten selbst seine Schönheit aufzuzeigen. Schönheit kommt von innen. Fotografie und Mode können dem Einzeln dabei helfen, sie zum Vorschein zu bringen. Den letzten Schritt muss aber jeder selbst tun. Denn Schön sein bedeutet, sich selbst schön zu finden. Wieso erst der Betrachter das Foto vollendet
An einem Bild sind immer zwei Leute beteiligt: der Fotograf und der Betrachter. (Ansel Adams) Ein Foto entsteht immer mehrere Male: Ein erstes Mal, wenn der Fotograf den Auslöser drückt. Ein zweites Mal, wenn er selbst das Bild betrachtet. Und weitere Male bei jedem Menschen der es mit neuen Gedanken füllt. Bilder wirken auf Personen. Sie lösen Emotionen aus: Freude, Trauer, Wut und Ekel. Auf diese Emotionen aufbauend, beginnen wir über die Bilder nachzudenken und füllen sie mit Inhalt. Ein Foto nur nach der technischen Ausführung zu bewerten, wird dem Medium nicht gerecht. Aussagen, die ein Bild tätigt, Emotionen, die es weckt, machen ein Bild zu einem guten Foto. Fotografie ist Sprache. Es ist eine Sprache die jeder versteht. Die technische Ausführung ist die Rhetorik. Doch gute Rhetorik macht eine gute Geschichte nicht aus. Eine gute Geschichte bewegt den Zuhörer. Und ein gutes Bild bewegt den Betrachter. «Zum Fotografieren braucht man Zeit. Wer keine Zeit hat, kann ja knipsen.» (Autor unbekannt) Gilt nicht ebenso das folgende? Wer ein Foto betrachten will, muss Zeit haben. Denn der, der keine Zeit hat, sieht nur. Ein Vorbild, ein Freund und eine Leidenschaft Man soll zu erreichen suchen, die Gedanken der Besten nachzudenken und den Besten gleich zu empfinden. (J.W. Goethe) Meine erste intensive Auseinandersetzung mit dem Medium der Fotografie und des Films hatte ich dank Lars. Lars lernte ich auf dem Golfplatz kennen, als ich 14 Jahre alt war. Er entwickelte mit mir eine Vision. Wir wollten mit einer kleinen Videokamera, die mir meine Eltern zu Weihnachten geschenkt hatten, ein Web-Fernsehen gründen. Während der Arbeit an diesem Projekt, lernte ich unglaublich viel. Und ich hatte die Möglichkeit meine Ideen einem Publikum zu präsentieren, an dessen Kritik ich wachsen konnte.
Noch heute prägt mich eine Person, die ich noch nicht persönlich kennen lernen durfte: Kristian Schuller. Seine Bilder verbinden Abstraktes und Realität sowie Emotionen und Gedanken. Diese Gesamtkompositionen prägen mein Schaffen bis heute. Sie geben mir eine Richtung vor. Sie zeigen mir, was alles möglich ist. Im Vergleichen erkennen wir uns selbst Im Vergleichen erkennen wir uns selbst. Das Kind lernt, dass es ein Ich hat, indem es die Sicht anderer auf sich selbst erkennt. Ähnlich verhält es sich mit einem eigenen Foto oder einem selbst gestalteten Kleid. Der Erschaffende versteht das Erschlaffte erst, wenn sich andere dazu äussern. Umso mehr schmerzt es, wenn eine solche Äusserung negativ ausfällt. Auch das habe ich erlebt und ich erlebe es teils immer noch. Meine ersten Fotos waren noch nicht gut. An der Kritik bin ich gewachsen. Und wie meine Fotos besser wurden, wurden auch die Äusserungen anderer über sie positiver. Es gilt aber auch zu verstehen, dass Äusserungen über Gestaltetes sich selten nur auf das Objekt selbst beziehen. Menschen betrachten den Kontext. Es liegt nicht nur an meinen besser werdenden Fotos, dass die Kritik darüber heute positiver ausfällt. Es liegt auch daran, dass ich inzwischen in London und Paris Prominente fotografieren durfte. Vielen Personen fällt es einfacher einen Fotografen zu kritisieren, der seine Freunde fotografiert. Fotografiert er Prominente, die sich positiv zu seinen Fotos äussern, wird negative Kritik schwieriger.
Was ich daraus gelernt habe, ist mich unabhängiger von der Meinung anderer zu machen. Aussagen darüber, was man tut, soll man zur Kenntnis nehmen. Es ist aber ebenso wichtig zu verstehen, wie sie zu Stande kommen. Nur wer das tut, kann an ihnen wachsen. Wer dies nicht versteht, lässt sich Selbst allzu schnell von negativer Kritik zerstören. Über das Träumen und die Dankbarkeit Träume halten uns am Leben. Sie zu verwirklichen ist das Schönste der Welt. Dass ich mit dem Fotografieren mein Geld verdienen kann, erfüllt mich mit Dankbarkeit. Mit der kleinen Agentur, welche ich 2016 gegründet habe, darf ich heute mehr als nur den eigenen Traum leben. Ich darf Träume anderer erfüllen. Diese Agentur wurde 2017 dann aus dem Leben gerufen. Seit 2018 habe ich mit den Muses of Marti Models unter mit, welche ich gerne unterstütze und darf eine Menge Publikationen zu meinen Arbeiten zählen, unteranderem für die Vogue etc.